Wenn über ältere Mitarbeitende gesprochen wird, tauchen rasch stereotype Vorstellungen auf: nicht mehr anpassungsfähig, weniger belastbar, geringere digitale Kompetenzen. Hans Rupli, Präsident vom Arbeitgebernetzwerk focus50plus, zeigt auf, wo Potenziale, Stärken und Herausforderungen liegen.
Herr Rupli, wo liegen besondere Stärken älterer Mitarbeitender?
Hans Rupli: Ältere Mitarbeitende verfügen über grosses Erfahrungswissen und in der Regel über soziale und emotionale Kompetenzen. Sie bringen ausserdem häufig hohe Loyalität mit. Ihr Umgang mit Stress ist oft reflektierter, ihre Fähigkeit zur Priorisierung und zur situativen Führung ausgeprägt. In Teams schaffen sie häufig Stabilität, vermitteln Ruhe und wirken meistens integrierend. Ihre Erfahrung und ihr Weitblick tragen dazu bei, dass Unternehmen nachhaltiger und innovativer planen sowie Veränderungen und auch Krisen besser bewältigen.
Welche Bedürfnisse werden bei älteren Mitarbeitenden häufig wichtiger?
Sinnhaftigkeit, Anerkennung und Gestaltungsfreiheit sind für alle Altersgruppen wichtig. Es ist zudem motivierend, wenn Mitarbeitende sozial eingebunden sind und wenn das Arbeitsklima freundliche ist. Flexible Arbeitsmodelle, die der individuellen Lebensrealität und Leistungsfähigkeit Rechnung tragen, werden für viele ältere Mitarbeitende zunehmend bedeutsam. Doch auch für jüngere Mitarbeitende, wie beispielsweise für Väter oder Mütter, ist Flexibilität relevant. Daher empfehlen wir, vermehrt über die Lebensphase, statt das Alter der Mitarbeitenden zu sprechen.
Welche Faktoren können ältere Arbeitnehmende belasten?
Psychische Belastungen entstehen häufig nicht aufgrund des Alters, sondern wegen der Rahmenbedingungen: Fehlende Wertschätzung, ungelöste Konflikte oder mangelnde Möglichkeiten zur Mitwirkung sind Zeichen einer ungesunden Betriebskultur. Wenn für ältere Mitarbeitende das Gefühl entsteht, dass Erfahrung nicht mehr gefragt ist oder der Beitrag nicht zählt, sinkt die Motivation und das Risiko für psychische Erschöpfung steigt. Jüngere «korrigieren» solche Situationen oft durch Stellenwechsel. Für ältere Mitarbeitende ist die berufliche Mobilität mit höheren Risiken verbunden.
Was können Betriebe tun, um die (psychische) Gesundheit älterer Mitarbeitender zu stärken?
Der Umgang mit Mitarbeitenden 50+ verlangt keine Sonderbehandlung, sondern einen bewussten Perspektivenwechsel. Unternehmen sollten die Menschen in ihrer Lebensphase wahrnehmen, unabhängig vom Alter. Klarheit, Gerechtigkeit und Partizipation sind wirksame Schutzfaktoren gegen psychische Belastungen – für alle. Eine Führungskultur, die auf Dialog und Vertrauen setzt, fördert die Motivation und die Gesundheit und entsprechend das Potenzial im gesamten Betrieb.
Welche Rolle spielen denn die Führungskräfte?
Eine zentrale. Sie sollten geschult sein, subtile Anzeichen von Überlastung oder Rückzug frühzeitig zu erkennen. Offene Gespräche wirken entlastend. Situativ kann es sinnvoll sein, Aufgaben, Verantwortung oder Arbeitszeiten ein Stück weit nach Möglichkeit anzupassen, um die Balance wiederherzustellen. Auch das Fördern von Weiterbildungen stärkt die fachlichen Ressourcen. Ebenso wichtig sind Sinn und Anerkennung: Mitarbeitende, die spüren, dass ihr Beitrag zählt, bleiben gesünder und motivierter.
Wieso ist es wichtig, ältere Mitarbeitende speziell zu fördern?
Die Förderung älterer Mitarbeitender ist nicht nur eine soziale, sondern auch eine betriebswirtschaftliche Aufgabe. Viele Unternehmen setzen auf Employer Branding und verfolgen Rekrutierungsstrategien; diese können auch explizit auf eine Rekrutierung und Bindung von Personen 50+ abzielen. Die Erwerbsquote der Bevölkerung 60+ sinkt in der Schweiz noch immer, obwohl rund die Hälfte der Arbeitnehmenden im Alter von über 50 grundsätzlich bereit wäre, länger zu arbeiten. Wer dieses Potenzial nutzt, kann dem demographischen Wandel und Fachkräftemangel begegnen und fachliche Expertise und verlässliche Mitarbeitende gewinnen.
Hans Rupli ist Präsident des Netzwerks focus50plus.
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Das Forum BGM Zürich fördert das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) im Kanton. Es setzt sich für die Gesundheit der erwerbstätigen Bevölkerung im Kanton Zürich ein und stärkt somit auch Ihr Unternehmen und den gesamten Wirtschaftsstandort Zürich.
Arbeitgeber Zürich VZH ist zusammen mit dem Kaufmännischen Verband Zürich, Prävention und Gesundheitsförderung Kanton Zürich, der Suva und der SVA Zürich Träger des Forum BGM Zürich
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